{"id":180,"date":"2023-12-19T14:22:25","date_gmt":"2023-12-19T14:22:25","guid":{"rendered":"https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/?page_id=180"},"modified":"2024-05-29T12:44:45","modified_gmt":"2024-05-29T12:44:45","slug":"warum-eine-webseite-oder-strandszene-annot","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/?page_id=180","title":{"rendered":"\u00dcber das Projekt"},"content":{"rendered":"\n<p>Diese Webseite ist ein von der Kunsthistorikerin Victoria Hohmann-Vierheller initiiertes Projekt. Es soll dabei unterst\u00fctzen, Leben und Werk der Malerin &amp; Friedensaktivistin Annot Jacobi bekannt(er) zu machen.  Hier berichtet die Kunsthistorikerin, wie es zu der Besch\u00e4ftigung mit Annot kam. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"816\" src=\"https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Strandszene-Annot-Jacobi-1024x816.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-48\" srcset=\"https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Strandszene-Annot-Jacobi-1024x816.jpg 1024w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Strandszene-Annot-Jacobi-300x239.jpg 300w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Strandszene-Annot-Jacobi-768x612.jpg 768w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Strandszene-Annot-Jacobi-1536x1224.jpg 1536w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Strandszene-Annot-Jacobi-2048x1632.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Wie alles begann. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>New York City, Boston, Rhode Island, \u00fcberhaupt die Ostk\u00fcste ein bisschen kennenlernen, auf den Spuren der Einwanderer, auch der eigenen Verwandten, Atlantik tanken, Art, Pop Art, Land Art, Minimalismus, Action Painting. Nach fast zwei Jahrzehnten mal wieder in die USA reisen, in diesem gespaltenen 2016, das einen v\u00f6llig irrationalen Machtwechsel im Wei\u00dfen Haus bef\u00fcrchten l\u00e4sst. Dem Zuvorkommen auf eine Weise mit dieser Reise. Die auch eine Hochzeitsreise ist. Dazu eine Belohnung f\u00fcr das fast vollendete Masterstudium der Kunstgeschichte, bei dem nun der Fokus auf der Masterarbeit liegt. Mein Thema: <em>Das Gesicht der selbst\u00e4ndigen Frau &#8211; Annot Jacobi im Berliner Kunstbetrieb der sp\u00e4ten Weimarer Republik bis in die Zeit des NS-Regimes<\/em>. Erstgutachterin ist Dr. Meike Hoffmann, f\u00fcr die ich seit 2014 als Hilfswissenschaftlerin an der <em>Forschungsstelle Entartete Kunst<\/em> t\u00e4tig bin, Zweitgutachterin Dr. Miriam-Esther Owesle, die als Gastdozentin mit der Seminarreihe <em>Der weibliche Blick<\/em> am Kunsthistorischen Institut der Freien Universit\u00e4t ein Kennenlernen und Erforschen weiblicher K\u00fcnstlerinnen der klassischen Moderne anbietet. Auf die K\u00fcnstlerin Annot Jacobi und ihr Werk bin ich allerdings schon fr\u00fcher gesto\u00dfen: Online habe ich die die <em>Zeitschrift f\u00fcr Geschlechterforschung und visuelle Kultur<\/em> <em>(FKW- Frauen Kunst Wissenschaft)<\/em> entdeckt. Die Ausgabe Heft 2\/3 vom April\/Mai 1988 kreist um <em>Frauen-Bilder im Nationalsozialismus<\/em>, und is Hannelore Paflik und Katharina Sykora zu verdanken. Wichtiger Punkt: Die Publikation enth\u00e4lt eine Auflistung <em>Verfemte K\u00fcnstlerinnen im Dritten Reich<\/em>. Erste auf dieser Liste, da alphabetisch geordnet: <em>Annot, Anna Ottonie Jacobi, geb. Krigar<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt sind 54 K\u00fcnstlerinnen mit rudiment\u00e4r biographischen Daten aufgef\u00fchrt sowie, wenn bekannt, die Anzahl beschlagnahmter Werke als <em>entartete Kunst<\/em>. Unter den K\u00fcnstlerinnen sind bekannte wie K\u00e4the Kollwitz, Paula Moderssohn-Becker, Gabriele M\u00fcnter, Hannah H\u00f6ch, Else Lasker-Sch\u00fcler, einem interessierten Publikum bekannte wie Charlotte Berend-Corinth, Ren\u00e9e Sintenis, Anita R\u00e9e, Charlotte Salomon, Elfriede Lohse-W\u00e4chtler, Emy Roeder und Namen, die auch ich als Frau vom Fach googeln muss: Erna Dinklage, Grethe J\u00fcrgens, Bele Bachem, Alma del Banco, Hanna Fonk, Katrine Harries, Marie Laurencien, Ida Kerkovius, Eva Samuel. Ich wei\u00df nicht mehr, warum ich direkt bei Annot h\u00e4ngenbleibe bzw. schlie\u00dflich zu ihr zur\u00fcckkomme. Da sind so viele Geschichten zu erz\u00e4hlen, von NS-Terror, vom Holocaust: <em>Charlotte Salomon 1940 Deportation und Ermordung in Auschwitz, Elfriede Lohse-W\u00e4chtler 1940 Ermordung im Konzentrationslager Brandenburg an der Havel, Alma del Banco 1943 Selbstmord, Anita R\u00e9e 1933 fast alle Wandbilder in \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden Hamburgs werden \u00fcbermalt, weil sie J\u00fcdin ist. Selbstmord. Katrine Harries 1939 Emigration nach Kapstadt zusammen mit ihrer Mutter, die J\u00fcdin ist, Hilde Goldschmidt 1939 Emigration nach London, Hanna Fonk 1933 als \u201eLinksintellektuelle\u201c verhaftet und gefoltert, Jeane Flieser 1936 &#8211; 45 Studien und Arbeitsverbot (Tochter j\u00fcdisch-christlicher Eltern). Das begonnene Studium in Berlin mu\u00df abgebrochen werden. Sie mu\u00df in der Fabrik arbeiten und erh\u00e4lt Heiratsverbot, K\u00e4the Steinitz Drei\u00dfiger Jahre (sic): Emigration nach New York<\/em>.<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Bei Annot las ich: <em>1916 30 Tage Gef\u00e4ngnis Moabit wegen Verteilung einer pazifistischen Denkschrift. 1920 Gr\u00fcndungsmitglied der deutschen Sektion der \u201eFrauenliga f\u00fcr Frieden und Freiheit\u201c 1933 Weigerung, j\u00fcdische Sch\u00fclerinnen aus ihrer Schule zu entlassen.<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\"><strong>[2]<\/strong><\/a> <\/em>Dieses Wort<em> Weigerung <\/em>hat mir gefallen, mich hellh\u00f6rig gemacht. Mich hat interessiert, dass Annot den Mut aufgebracht hat, sofort 1933 Widerstand zu leisten. Und damit begann auch schon die Forschungsarbeit. Ich wei\u00df nicht mehr, ob ich es dann direkt beim ersten Googeln bei Wikipedia gelesen habe oder im Katalog zur Ausstellung <em>Das Verborgene Museum, Dokumentation der Kunst von Frauen in Berliner \u00f6ffentlichen Sammlungen<\/em>, diesem Lexikon, diesem Grundstein von Grundlagenforschung der Arbeitsgruppe der NGBK, unter der Leitung von Gisela Breitling, Evelyn Kuwertz und Renate Flagmeier \u2013 jedenfalls war das Jahr 1981 ausschlaggebend. Auf den Seiten 239\/240 des Katalogs des (ehem.) <em>Verborgenen Museum<\/em> steht zu Annot: <em>1981 gestorben in M\u00fcnchen<\/em>.<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Diese Information \u00fcberzeugte mich g\u00e4nzlich, zu Annot zu forschen \u2013 denn ich bin 1981 in M\u00fcnchen geboren. Pl\u00f6tzlich gab es da eine Verbindung, die mich nicht mehr loslie\u00df. Sp\u00e4ter stellte ich fest, dass Annot sogar kurzzeitig in der Stra\u00dfe lebte, in der ich geboren wurde, sogar fast schr\u00e4ggegen\u00fcber. Und dass ihre Schwester und ich den Geburtstag teilen. Gemeinsamkeiten, die meine Forschungsarbeit zur Herzensangelegenheit werden lie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zu besagtem Katalog. Dort ist auch zu lesen:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Als das Ehepaar Jacobi sich 1933 weigerte, j\u00fcdische Sch\u00fclerinnen zu entlassen, wurde die Malschule von Annot von den Nationalsozialisten geschlossen. Annot und Rudolf Jacobi emigrierten in die USA. Wie viele andere europ\u00e4ische K\u00fcnstler lebten sie in New York.<\/em><a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Und:<\/p>\n\n\n\n<p><em>1956 verlie\u00dfen sie New York und zogen zu ihrem Freund Pablo Casals nach Puerto Rico. Dort lebten und arbeiteten sie, bis sie 1967 nach Deutschland zur\u00fcckkehrten und sich endg\u00fcltig in M\u00fcnchen niederlie\u00dfen<\/em>.<a href=\"#_ftn5\" id=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Informationen bildeten den Ausgangspunkt f\u00fcr meine Forschungsarbeit. Die sich ma\u00dfgeblich dem Annot-Jacobi-Archiv im Archiv der Akademie der K\u00fcnste Berlin verdanken sollte. Aber l\u00e4ngst nicht nur \u2013 wie sich ebenfalls herausstellen w\u00fcrde. Wissenschaftliche Forschung ist oft auch ein Resultat des Zufalls. Es ist eine detektivische Spurensuche. Manchmal verliert such eine Spur, manchmal findet sich \u00fcberraschend eine F\u00fclle von Informationen, manchmal passen pl\u00f6tzlich wieder zwei oder mehr Puzzleteile zusammen und das Bild ist wieder ein St\u00fcck vollst\u00e4ndiger.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Zufall, das Jahr 1981, hatte das Thema meiner Masterarbeit also entschieden. Viele Zuf\u00e4lle sollten folgen. Bevor ich davon berichte, muss ich den Forschungsstand zu Annot im Jahr 2016 darlegen. Damals \u2013 und das ist erst wenige Jahre her \u2013 existierten nur wenige Details ihrer Biografie, die sich auf den Namen (meistens f\u00e4lschlicherweise mit Anna <em>Ottilie<\/em> angegeben), Geburts- und Todesjahr, den Vermerk beschlagnahmter Werke und ihre Emigration in die USA beschr\u00e4nkten. Der Eintrag im Lexikon des Verborgen Museum, war das Ausf\u00fchrlichste \u00fcber Annot, was neben dem einzigen existierenden Katalog \u201eAnnot\u201c der Galerie Abercron von 1978 zu finden war. Im Archiv der Akademie der K\u00fcnste entdeckte ich, dass bereits Anl\u00e4ufe unternommen worden waren, eine K\u00fcnstlerinnenbiografie zu verfassen, aber nichts Umfassendes, nichts Chronologisches, das waren nur ein paar Seiten eines Interviews im Bereich der \u201ebiografischen Dokumente die Anf\u00e4nge eines Interviews mit der betagten K\u00fcnstlerin durch die befreundete Sprach- und Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Birut\u00e9 Ciplijauskait\u00e9. Dieses Interviewfragment war einst als Basis f\u00fcr eine Biographie der K\u00fcnstlerin gedacht, doch beendete Prof. Ciplijauskait\u00e9 dieses Projekt, kaum begonnen, da es ihr auf Grund von Annots z\u00e4hen Schilderungen wenig erfolgversprechend erschien.<a href=\"#_ftn6\" id=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Auch die Annot-Doku von der Regisseurin und Dokumentarfilmerin Katja Raganelli, gedreht 1976, ausgestrahlt 1977\/78<a href=\"#_ftn7\" id=\"_ftnref7\">[7]<\/a> &nbsp;ist mehr ein kurzes Portr\u00e4t, keine umfassende Biografie \u2013 auch wenn Annot sehr eindr\u00fccklich erfahrbar wird. Im Grunde fand ich nur eins: Einen Berg von Informationen, Zeitungsartikeln, Fotos, Briefen, pers\u00f6nlichen Dokumenten \u2013 die es galt zu einem gro\u00dfen Ganzen zusammenzusetzen. Als ich Im Fr\u00fchjahr 2017 meinen Master abschloss, war mir nicht bekannt, wer Annots k\u00fcnstlerischen Nachlass betreute. Es war die Kunst- und Kulturhistorikerin Dr.H. Caroline Ebertsh\u00e4user, die schicksalshafterweise im Mai 2017 verstarb. Die Unterlagen zu Annot in ihrem Besitz fanden daraufhin ihren Weg ins Archiv der K\u00fcnste. Erst 2022\/2023, als ich die Forschungsarbeit erneut aufnahm, entdeckte ich darum diese Unterlagen und damit neue Puzzleteile.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch zur\u00fcck zum Anfang. Der in einem m\u00fchsamen Zusammensetzen einzelner Informationen: Kunstkritiken, Ausstellungskataloge, Brosch\u00fcren, Briefe, Postkarten, pers\u00f6nlicher Notizen, Abbildungen, Fotos bestand. Bis irgendwann, wie bei einem Mosaik, das man zusammensetzt, der biografische Rahmen stand. Dieser Rahmen war hier besser bef\u00fcllt, dort kaum und wird seitdem weiter mit Funden und Erkenntnissen gef\u00fcttert. Genauso wie Annahmen wieder wegfallen, Spuren sich verlieren und manches noch unbekannt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fccksfall meiner Spurensuche war meine Hochzeitsreise entlang der n\u00f6rdlichen Ostk\u00fcste der USA im Sommer 2016. Wenige Wochen vor der Abreise entdeckte ich bei meiner Recherche Korrespondenzen von Annot und Rudolf Jacobi mit Fam. Grosz im Archiv der Houghton Library, Harvard. Da Ausgangspunkt der Reise Boston war, bat ich noch von Berlin aus um einen Termin zur Einsicht des Schriftwechsels. Ich hatte nur drei Tage in Boston, einen der Ankunft, einen f\u00fcrs Sight-Seeing \u2013 und dann einen f\u00fcr die Houghton Library. Die Dokumente im Archiv der K\u00fcnste in Berlin hatten bisher lediglich Annots Wirken in NYC kundgetan. In Boston stellte ich beim Lesen und Abfotografieren der Briefe und Postkarten fest, dass die Jacobis einen Gro\u00dfteil ihrer Zeit in den USA in Gloucester, einem K\u00fcnstlerort nahe Boston verbracht hatten. Der Zufall wollte es, dass wir am n\u00e4chsten Tag nach Norden zu unserem n\u00e4chsten Aufenthaltsort weiterfahren wollten, und der Weg damit an Gloucester vorbeif\u00fchrte. So war es m\u00f6glich, trotz eng getaktetem Roadtrip, spontan einen Abstecher zu unternehmen. Stra\u00dfenname und Hausnummern waren mir zu jenem Zeitpunkt leider unbekannt, aber immerhin wusste ich um die ungef\u00e4hre Lage des Hauses vor Ort. Da der Tag ein Montag war, hatte das Kunstmuseum vor Ort leider geschlossen, sodass ich nach Informationen zu Annot erst sp\u00e4ter, zur\u00fcck in Europa, anfragen konnte. Was jedoch m\u00f6glich war: Gloucester live zu erleben. Den Ort durchwandern, dort einzukehren zum zweiten Fr\u00fchst\u00fcck, am Strand entlangzulaufen, die M\u00f6wen zu beobachten, einen Eindruck der Bucht zu bekommen, die sich zum Leuchtturm hin w\u00f6lbt, dem Teil der Bucht, wo Annot mit ihrer Familie ein paar Jahre verbrachte, bevor es zur\u00fcckging nach NYC\/Long Island. F\u00fcr mich war es ein sehr eindr\u00fcckliches Erlebnis diesen \u2013 durch Zufall am Vortag gefunden \u2013 Ort unmittelbar kennenzulernen. Es ist einfach etwas anderes, als nur dar\u00fcber zu lesen. Und diese direkte Verbindung \u00fcber den Ort verst\u00e4rkte das Anliegen, alle zusammengetragenen Informationen \u00fcber diese bewundernswerte Frau, K\u00fcnstlerin und Friedensaktivistin einer breiten \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich zu machen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"724\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/gloucester-5-724x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-62\" style=\"width:619px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/gloucester-5-724x1024.jpg 724w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/gloucester-5-212x300.jpg 212w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/gloucester-5-768x1087.jpg 768w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/gloucester-5.jpg 1003w\" sizes=\"auto, (max-width: 724px) 100vw, 724px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/gloucester-4-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-176\" srcset=\"https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/gloucester-4-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/gloucester-4-300x225.jpg 300w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/gloucester-4-768x576.jpg 768w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/gloucester-4.jpg 1524w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Sommer 2016, als ich in der Bucht von Gloucester stand, war f\u00fcr mich undenkbar, einmal ein Gem\u00e4lde Annots im eigenen Familienbesitz zu wissen. Erst recht nicht eines, das in Gloucester entstanden ist. Aber auch das sollte geschehen. Doch der Reihe nach: Mit dem Studienabschluss 2017 lag das Thema Annot erst einmal auf Eis. Auch wenn mir lange eine Doktorarbeit vorschwebte. Aber das Material brach damals an manchen Stellen weg, beispielweise fehlten farbige Abbildungen der Gem\u00e4lde, und auch die mangelnde Zeit in Kombination mit Elternschaft und Coronakrise, waren Faktoren, due das schlie\u00dflich verhinderten. 2022 lud meine Mentorin und Zweitgutachterin Frau Dr. Owesle mich dann im Rahmen der <em>Guthmann Akademie<\/em> zu einem Vortrag nach Neu-Kladow ein. Ich machte mich in dem Zuge daran, meinen Forschungsstand aufzufrischen. Die Ank\u00fcndigung des Vortrags bewog ein Sammlerehepaar aus S\u00fcddeutschland, das Arbeiten der Jacobis seit ca. 10 Jahren sammelt, sich bei mir zu melden. Ein \u00fcberraschender Gl\u00fccksfall. Ein reger Austausch entstand, der bis heute andauert und bei dem ich mir neue Gem\u00e4lde Annots kennenlernen durfte, die ein wieder vollst\u00e4ndigeren Blick auf ihr Gesamtwerk ergeben. Seit 2016 hatte sich in der Sammlungs-Museumslandschaft manches getan. So hielt auch das Museum der Verlorenen Generation das Andenken an Annots Werk hoch. Und dann war da der Nachlass, der sich mittlerweile zu gro\u00dfen Teilen auf dem Kunstmarkt befand \u2013 dessen Interesse an Annot gewachsen war. So stellte ich fest, dass nicht nur Neues auf dem Markt war, sondern ausgerechnet um den Termin meines Vortrags hin (Zufall?) pl\u00f6tzlich neue Werke von Annot zum Verkauf angeboten wurden. Eins der Gem\u00e4lde war \u201eStrandszene\u201c aus dem Zyklus \u201eDas Leben der M\u00f6wen\u201c von 1940, h\u00f6chstwahrscheinlich in Gloucester entstanden. Ich entdeckte das Gem\u00e4lde, kaum dass es online zum Verkauf stand. Die Erinnerung an Gloucester wurde lebendig, und dann war da auch die gro\u00dfe Metapher dieses Bilds verkn\u00fcpft mit dem pers\u00f6nlichen Schicksal der Familie Jacobi. Sofort hatte ich den Wunsch, auf dieses Bild aufzupassen, \u00fcber seinen Verbleib informiert zu sein \u2013 was war da n\u00e4herliegender, als es selbst zu erwerben. Noch am gleichen Abend gelang der Kauf und wenige Tage sp\u00e4ter befand sich dieses besondere Zeitdokument von 1940 in Familienbesitz.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gem\u00e4lde live zu betrachten, es sogar (selbstverst\u00e4ndlich mit Handschuhen) anfassen zu k\u00f6nnen, war ein ganz und gar seltsames Gef\u00fchl. Vor dem Bild einer K\u00fcnstlerin zu stehen, ist immer auch eine pers\u00f6nliche Begegnung. Wenn sich ein Bild dann im eigenen Besitz befindet, wird aus dieser Begegnung mehr, die Wege verkn\u00fcpfen sich, zumindest ein wenig.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"739\" src=\"https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Strandszene-Annot-Jacobi-Ausschnitt-1024x739.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-98\" srcset=\"https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Strandszene-Annot-Jacobi-Ausschnitt-1024x739.jpg 1024w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Strandszene-Annot-Jacobi-Ausschnitt-300x216.jpg 300w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Strandszene-Annot-Jacobi-Ausschnitt-768x554.jpg 768w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Strandszene-Annot-Jacobi-Ausschnitt-1536x1108.jpg 1536w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Strandszene-Annot-Jacobi-Ausschnitt-2048x1477.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"814\" src=\"https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Rueckseite_Strandszene_Annot-Jacobi-1-1024x814.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-97\" srcset=\"https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Rueckseite_Strandszene_Annot-Jacobi-1-1024x814.jpg 1024w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Rueckseite_Strandszene_Annot-Jacobi-1-300x239.jpg 300w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Rueckseite_Strandszene_Annot-Jacobi-1-768x611.jpg 768w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Rueckseite_Strandszene_Annot-Jacobi-1-1536x1221.jpg 1536w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Rueckseite_Strandszene_Annot-Jacobi-1-2048x1629.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Strandszene<em>, 1940 &#8211; eine Bildbeschreibung<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Leinwand der \u201eStrandszene\u201c ist m\u00f6glicherweise bereits mit Annot in die USA emigriert \u2013 sp\u00e4ter zur\u00fcck nach Deutschland gekehrt. Sie hat also mindestens eine Atlantik\u00fcberquerung erlebt. An einer Stelle, am rechten unteren Bildrand, ist die Leinwand sorgf\u00e4ltig gen\u00e4ht. Nicht immer zeigte sie eine Strandszene. Ein \u00e4lteres Bild, eine Blumenstillleben, wurde hier \u00fcbermalt, das Bild daf\u00fcr auf den Kopf gestellt \u2013 Annot Signatur in Wei\u00df ist noch immer am rechten oberen Bildrand zu erkennen, schimmert durch. Genau wie die \u00dcbermalung und die Verwandlung des einen Motivs in ein neues sehr gut nachvollziehbar ist. \u00dcbermalung und Naht zeugen m\u00f6glicherweise von dem Geldmangel, unter dem Annot 1940 litt. Es zeugt, so meine Hypothese, aber auch von der Dringlichkeit, sich in Zeiten des Krieges sch\u00f6pferisch auszudr\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_20230414_112915-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-102\" srcset=\"https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_20230414_112915-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_20230414_112915-300x225.jpg 300w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_20230414_112915-768x576.jpg 768w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_20230414_112915-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_20230414_112915-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"814\" src=\"https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_20230414_113043-1024x814.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-100\" srcset=\"https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_20230414_113043-1024x814.jpg 1024w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_20230414_113043-300x238.jpg 300w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_20230414_113043-768x610.jpg 768w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_20230414_113043-1536x1220.jpg 1536w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_20230414_113043-2048x1627.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eStrandszene\u201c ist eine Arbeit die, so meine Sicht auf den gesamten Zyklus \u201eDas Leben der M\u00f6wen\u201c, Krieg und Freiheit thematisiert. Eine Stellungnahme Annots zu dieser Reihe ist mir bisher leider nicht begegnet. Die Tatsache, in Kriegszeiten V\u00f6gel als Sujet zu w\u00e4hlen, spricht f\u00fcr sich. Zwar handelt es sich nicht um Tauben, sondern um M\u00f6wen, doch gerade diese See- und K\u00fcstenv\u00f6gel scheinen mir Annots Freiheitsliebe besonders zum Ausdruck zu bringen, Gedanken des Aufbruchs am Rande des Ozeans zu verk\u00f6rpern. Das Meer als Sinnbild der Freiheit, der Grenzenlosigkeit, ist bei \u201eStrandszene\u201c fast ausgespart, nur angedeutet durch blaue und gr\u00fcnliche Farbverl\u00e4ufe zu beiden Seiten eines gro\u00dfen, br\u00e4unlichen Fischernetz im Bildzentrum, das sich f\u00fcr die Betrachter:innen \u00f6ffnet. Vor der bl\u00e4ulich-br\u00e4unlich-gr\u00e4ulichen \u00d6ffnung, die schraffiert ist, sind eine schwarze Katzenmutter. Die Katzenmutter s\u00e4ugt zwei Katzenjunge, ein rot-wei\u00df getigertes, um das sie die rechte Vorderpfote legt und ein br\u00e4unliches, das von ihrem Hinterbein gesch\u00fctzt wird. Neben dem Kopf der Katzenmutter besteht der Strand aus einer gelben Farbfl\u00e4che mit br\u00e4unlich-beigen Punkten, die Sandk\u00f6rner andeuten. Diese gelbe Fl\u00e4che lenkt die Aufmerksamkeit beim Betrachten und macht gleichzeitig die Aufmerksamkeit der Katzenmutter bewusst, die \u00fcber ihre Jungen wacht. Der Strand ist an keiner Stelle naturalistisch, sondern besteht aus einer gro\u00dfen, zart rosafarbenen Fl\u00e4che, die, zum ebenfalls nicht naturalistisch erkennbarem Meer, ins Bl\u00e4uliche \u00fcbergeht und vor Fischernetz und Katzen braun-beige, gelb-gr\u00fcne und gr\u00fcne P\u00fcnktchen aufweist, als Strandk\u00f6rnung zu lesen, als Wiesenansatz, Bewuchs am Strand, wo das oben aus dem Bild ragende Fischernetz am Festland angebracht sein muss. Diese Andeutungen der Landschaft ergeben sich aus der \u00dcbermalung der vormaligen Blumenstillebens. So ist das Fischernetz offenbar einmal eine sich v-f\u00f6rmig \u00f6ffnende Vase gewesen. Die f\u00fcr Annot ungew\u00f6hnlichen Schraffierungen, beim Fischernetz als Wiedergabe der Netzstruktur genutzt, dienen der Verdeckung und dem Unkenntlichmachen der einstigen Vase. Auch der bunte Strand ist durch die \u00dcbermalung zu erkl\u00e4ren: So sind das Gelb um den Katzenkopf wie die gr\u00fcnlichen Tupfen der Wiesen-Landandeutung farbliche Aufnahmen des \u00fcbermalten Stilllebens, wie sich auf der linken Bildseite erkennen l\u00e4sst. Auf der rechten Bildseite und damit rechts des Fischernetzes fliegt eine sich den Katzen n\u00e4hernde M\u00f6we, den Kopf im Flug beobachtenden nach unten geneigt, sodass sie wirkt, als wolle sie nach den Katzen sehen, nach dem Rechten sehen. Au\u00dfer dieser einen detailliert ausgef\u00fchrten M\u00f6we sind nur zwei weitere wei\u00dflich-schemenhaft mit einfachen Pinselstrichen angedeutet. Im rechten Bildteil sind au\u00dferdem sechs Schwimmer ausgef\u00fchrt, am Rande des Netzes befestigt, die vorderen vier detailliert, die hinteren beiden als blo\u00dfe Punkte angedeutet. Diese Unterscheidung von im Vordergrund ausgef\u00fchrten Details und der Technik, den Hintergrund verschwommen, angedeutet zu belassen, erzeugt eine erstaunliche Bildtiefe und landschaftliche Weite des an sich schlichten Motivs. Auf der linken Seite des Fischernetzes ist eine Leiter angedeutet, durch die m\u00f6glicherweise auch die Aufh\u00e4ngung des Netzes zustande kommt. Au\u00dferdem ist in der Mitte der Leiter ein gro\u00dfer braun-r\u00f6tlicher Schwimmer an einem Seil oder Tau befestigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich den Zyklus \u201eDas Leben der M\u00f6wen\u201c, bzw. einen Ausschnitt davon, zum ersten Mal in Schwarz-Wei\u00df abgedruckt im Katalog der Galerie Abercron von 1978 sah, las ich die M\u00f6wen unmittelbar als Symbole f\u00fcr Freiheit \u2013 auch f\u00fcr Unbeschwertheit, f\u00fcr alles Spielerische. Best\u00e4tigt wurde diese Sicht k\u00fcrzlich bei dem Besuch des &#8222;Kleinen Grosz Museums&#8220; in Berlin, wo ich Teile der Reihe Clippings, &#8222;Birds&#8220;, 1936 &#8211; 1654 sehen konnte. Annots M\u00f6wenbilder nehmen m\u00f6glicherweise hierauf Bezug bzw. sind auch dem intensiven Austausch mit dem Ehepaar Grosz`entsprungen. <\/p>\n\n\n\n<p>In Kombination mit den Kriegsjahren trat besonders der Aspekt der Freiheit in den Vordergrund. Als ich \u201eStrandszene\u201c, mir ebenfalls durch den Katalog bekannt, mit den mittlerweile gesammelten Informationen zu Annots Leben und Wirken als zum Verkauf freigegeben im Internet entdeckte, sprach es pl\u00f6tzlich vielschichtig zu mir. Bereits beim Anschauen des filmischen Portr\u00e4ts der K\u00fcnstlerin durch Katja Raganelli, bei dem Annot \u201eStrandszene\u201c als einziges Bild des M\u00f6wenzyklus pr\u00e4sentiert, das sie nach eigener Aussage immer begleitet habe, fragte ich mich, warum. Denn das Bild ist auf den ersten Blick unspektakul\u00e4r. Da ist dieses Fischernetz, dazu im Vordergrund die Katzen vor der \u00d6ffnung des Netzes, die eine Ausschau haltende M\u00f6we, eher klobig wirkende Schwimmer, dazu diese diffusen ineinander \u00fcbergehenden Farbfl\u00e4chen, die jegliche Landschaft nur andeuten. Nichts ist wirklich virtuos ausgef\u00fchrt, weshalb der Blick beim Betrachten unwillk\u00fcrlich immer wieder zur feinen Schraffur des Netzes, zu diesen ordentlich aufgekratzten Farbe zur\u00fcckkehren, die beim fl\u00fcchtigen Beschauen wirken k\u00f6nnen, als sei die Schattierung des Netzes nicht wie gew\u00fcnscht gelungen und so das Problem gel\u00f6st worden. Zu diesem Schluss kann man jedoch nur gelangen, wenn man die \u00dcbermalung des \u00fcber Kopf gedrehten Blumenstilllebens noch nicht bemerkt hat. Ist dies geschehen, wird die Schraffur im Kontext der \u00dcbermalung zur pfiffigen Idee, zum Kunstgriff. Auch das auf den ersten Blick unspektakul\u00e4r anmutende Motiv wird im Kontext von Zeit und Familienhistorie zu etwas v\u00f6llig anderem. Hat man Kenntnis davon, geschieht praktisch eine \u00dcbermalung des Blicks der Betrachtenden beim Betrachten des \u00fcbermalten Bildes. Das einstige Blumenstillleben war in seiner Aussage unbedeutend zur \u201eStrandszene\u201c. Die \u201eStrandszene\u201c ist ein pers\u00f6nliches Bild, das Bild einer Mutter, das Bild einer Emigrantin, einer Gefl\u00fcchteten \u2013 weshalb es, meiner Meinung nach, Annot auch immer begleitet hat. Im Jahr 1940 k\u00f6nnte das braune Fischernetz f\u00fcr eine Gefahr stehen, der man ins Netz gegangen ist oder f\u00fcr ein rettendes Netz, das aufgefangen hat. Auch beide Deutungen k\u00f6nnen nebeneinander gelten. Schaut man vom Strand, der sich in den USA befindet, hinaus aufs Meer, blickt man der sich n\u00e4hernden M\u00f6we entgegen, die auch in einer Doppelrolle lesbar ist: Als nach den Katzen sehender, sich k\u00fcmmernder Freiheitsverk\u00f6rperung und als Gefahr, \u00e4hnlich einem Kampflugzeug, mit b\u00f6ser Absicht und insbesondere Bedrohung f\u00fcr die Katzenkinder. Die sechs runden Schwimmer auf M\u00f6wenseite m\u00f6gen beliebig aussehen, die vorderen drei befinden sich an einem Seil, der vierte detaillierte wirkt wie dazugef\u00fcgt, ebenso die schemenhaften hinteren beiden. Schaut man mit Annots Augen vom Strand aufs Meer Richtung Europa, k\u00f6nnte man sie als Jahre lesen: 1940 ist Annot seit sechs Jahren in den Vereinigten Staaten. Ebenso l\u00e4sst sich die Leiter, die das Fischernetz h\u00e4lt auch als Weg lesen, als Leiter nach oben, evt. als Karriereleiter, als Lebenspfad und der gro\u00dfe Schwimmer an der Leiter, der im Verh\u00e4ltnis zu Katzen und Netzt fast in der Lage scheint, einen Menschen \u00fcber Wasser zu halten, lie\u00dfe sich dergestalt deuten. Das mag zu weit gehen, doch wei\u00df man um die wohldurchdachte Bildkonzeption Annots ist eine Willk\u00fcr der Gegenst\u00e4nde, selbst wenn ein echtes Motiv Inspiration gewesen sein sollte, unwahrscheinlich. Die Katzenmutter hat es mit den Katzenjungen an Land geschafft \u2013 wie die Farbgebung, das angedeutete Gr\u00fcn des Landes, aussagen. Bei einem Wurf kommen in der Regel zwei bis f\u00fcnf Katzenjunge zur Welt. Dass Annot zwei Katzenkinder gew\u00e4hlt hat, macht eine Andeutung des eigenen Schicksals wahrscheinlich \u2013 Annot hat ihre beiden Kinder Stella und Frank gerettet, \u00fcber einen Ozean hinweg, besch\u00fctzt sie vor Gefahr, vor Kriegsgefahr und NS-Regime. Sie versteckt das \u00e4ltere K\u00e4tzchen gerasdezu mit der Pfote, das als Stella lesbar w\u00e4re, die nach Annots eigener Aussage ein Euthanasieopfer der Nazis geworden w\u00e4re. Durch die \u00dcbermalung ist das Bild insgesamt eher dunkel, was die bedrohliche Kriegsatmosph\u00e4re jedoch transportiert. Die \u00dcbermalungen, die im linken Bildteil ein diffuses gr\u00fcn-wei\u00dflich-gelblich-rosa Gemisch ergeben, erinnern fast an ein wenig an die stimmungsvollen Landschaftsbilder Turners. Nichts Konkretes ist zu sehen, nur die Bildaufteilung ist klar: Links ist das Land, das sich im Vordergrund auch etwas detaillierte als Wiese oder \u00e4hnliches, zeigt und rechts der blau-rosa Seeteil, Dom\u00e4ne der M\u00f6we(n). Die vielleicht doch mehr einen Willkommensgru\u00df aussendet, denn einen oberservierenden Blick hat, die als Willkommensgru\u00df der Unabh\u00e4ngigkeit gelesen werden k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_20230414_112804-1-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-99\" srcset=\"https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_20230414_112804-1-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_20230414_112804-1-300x225.jpg 300w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_20230414_112804-1-768x576.jpg 768w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_20230414_112804-1-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/annot.victoriahohmann.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_20230414_112804-1-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Wie man das Bild auch dreht und wendet \u2013 und insbesondere, wenn man es dreht und wendet \u2013 wird klar: Dies ist nicht irgendein Bild, das ist keine beliebige, schlicht h\u00fcbsch anzusehende \u201eStrandszene\u201c. Hier ist nicht nur ein altes Bild \u00fcberarbeitet worden, eine Leinwand liebevoll geflickt worden, sondern etwas dargestellt, das betrifft und f\u00fcr die Malerin von gro\u00dfer Bedeutung ist. W\u00e4re das Motiv ein nebens\u00e4chliches, eine einfache Alltagsszene, w\u00e4re nicht ein altes Bild derma\u00dfen konzentriert und durchgeplant \u00fcberarbeitet worden. Es tr\u00fcge m\u00f6glicherweise auch einen anderen Titel, etwas wie \u201eKatzen am Strand\u201c oder \u201eAm Hafen\u201c etc. Da ist aber kein Hafen, kein Boot, nur ein Fischernetz. Weil eben nicht von Booten erz\u00e4hlt werden soll, weil es um ein \u2013 so oder so \u2013 gemeintes Netz geht. Weil kein Hafen gefunden ist. Da ist mehr ein Blick zur\u00fcck, aus sicherer Distanz ein Blick auf eine Situation ebenso. Die diffuse Lichtstimmung unterstreicht diese Melancholie, die dem Motiv, eingeschrieben ist, das Gem\u00e4lde mit ausmacht. Anders als bei Annots Frauenportr\u00e4ts oder den meisten ihrer Stillleben, scheint die Malerin hier ein pers\u00f6nliches St\u00fcck Schicksal zum Ausdruck gebracht zu haben. \u201eStrandszene\u201c k\u00f6nnte man als einen gemalten Tagebucheintrag aus dem Jahre 1940 bezeichnen, eine Bestandsaufnahme und einen R\u00fcckblick auf die Emigration so far. Wer um Annots Geschichte wei\u00df, kann sich diesem Bild jedenfalls kaum entziehen, es \u00fcbt einen eigenen Zauber aus, erz\u00e4hlt von einer Rettung, einer Mutter, die ihre Kinder in Sicherheit bringt und einer Wehmut, die in der Flucht liegt und bleibt, beim Blick vom Strand zur\u00fcck \u00fcber den Atlantik.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Hannelore Paflik, Katharina Sykora: Verfemte K\u00fcnstlerinnen im Dritten Reich, in: <em>Zeitschrift f\u00fcr Geschlechterforschung und visuelle Kultur<\/em> <em>(FKW- Frauen Kunst Wissenschaft), <\/em>Ausgabe: Heft 2\/3 vom April\/Mai 1988, S. 16-21.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> Ebd.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> Annelie L\u00fctgens, Annot, in: <em>Das Verborgene Museum, Dokumentation der Kunst von Frauen in Berliner \u00f6ffentlichen Sammlungen, <\/em>Katalogredaktion:Gisela Breitling, Renate Flagmeier, Johanna W\u00f6rdemann, NGBK, Berlin, 1987, S.239<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\" id=\"_ftn4\">[4]<\/a> Ebd.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\" id=\"_ftn5\">[5]<\/a> Ebd.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\" id=\"_ftn6\">[6]<\/a> AdK, Berlin, Annot-Jacobi-Archiv, Nr. 44.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\" id=\"_ftn7\">[7]<\/a> 1976 drehte Katja Raganelli die Dokumentation gemeinsam mit Konrad Winkler (Produktionsfirma: Diorama Film) AdK, Berlin, Annot-Jacobi-Archiv, Nr. 41. \u201eInformationen zum und Reaktionen auf den Film\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Webseite ist ein von der Kunsthistorikerin Victoria Hohmann-Vierheller initiiertes Projekt. 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